Neuroideenmanagement 3 – das Gehirn als Lustsucher

Geschrieben von: Dr. Hartmut Neckel am: 28.04.2021

  • Themen: Ideenmanagement im Licht von Ergebnissen aus Hirnforschung, Neurobiologie, Gestalttheorie, Verhaltensökonomie; Neuromarketing für das Ideenmanagement; soziale Werte und Bedürfnisse; Belohnung und Bestrafung; Dopamin als Antriebsfaktor

Im Blogbeitrag vom 15.03.2021 standen die einzelnen Nervenzellen des Gehirns und ihre Verbindungen im Vordergrund. In diesem Beitrag geht es um größere Funktionseinheiten – nämlich um die Rollen, die das Stamm-, Klein- und Großhirn und das limbische System für unsere Entscheidungen und unser Verhalten spielen. Das ist auch für Verhaltensweisen und Entscheidungen von Mitarbeitern und Führungskräften im Ideenmanagement relevant.

Wie in den ersten beiden Beiträgen dieser Reihe (am 12.02.2021 zum „Gehirn als Wirklichkeitskonstrukteur“ und am 15.03.2021 zum „Gehirn als Sozialorgan“) lade ich Sie auch hier wieder zum fröhlichen Assoziieren ein. Assoziative Impulse werde ich mit >>> kennzeichnen und ggf. auf entsprechende Links im Internet hinweisen.

 

Die vier Brüder im Geiste

Stark vereinfacht, kann man das Gehirn in vier wesentliche Funktionsbereiche einteilen (siehe Abbildung 1). Während Großhirn, Kleinhirn und Stammhirn anatomisch relativ gut unterscheidbar sind, ist das limbische System schwieriger zu erkennen, weil es aus mehreren Unterstrukturen besteht, die etwas verstreut angeordnet sind.

Blog 34 1 Gehirnaufbau 2021 04 28

Abbildung 1: Übersicht der wesentlichen Funktionsbereiche im Gehirn

Jeder dieser Funktionsbereiche hat spezifische Aufgaben – wobei man sich allerdings keine echte „Arbeitsteilung“ vorstellen sollte, weil bei den meisten Vorgängen bereichsübergreifende Neuronenverbände aktiviert sind. Die folgenden Charakterisierungen dienen daher nur einer groben Orientierung.

  • Im Großhirn läuft das ab, worauf wir uns als Menschen am meisten etwas einbilden. Tatsächlich ist es auch der Teil des Gehirns, in dem wir uns am meisten von allen anderen Tieren unterscheiden. Verantwortlich für diesen Unterschied ist ein „Gen für mehr Gehirn“, das nur beim Menschen vorkommt. Das Großhirn ermöglicht alles, was wir mit Denken und Verstand im weitesten Sinne in Verbindung bringen – auch für Phantasie, Ironie und Humor. Hier sind die Strukturen, die aktiviert sind, wenn uns etwas bewusst ist und wenn wir „ich“ sagen.
  • Das Kleinhirn steuert unsere Bewegungsabläufe – vor allem die, die wir verinnerlicht haben und unbewusst nebenbei machen: also einen bekannten Weg gehen, Auto oder Rad fahren während wir gleichzeitig mit unserer bewussten Aufmerksamkeit etwas ganz anderes machen, z.B. uns unterhalten oder Radio hören. Nur bei sehr komplexen und schwierigen Bewegungen oder beim Erlernen von neuen Bewegungsabläufen brauchen wir dafür zusätzliche Kapazitäten des Großhirns. Wenn man sich etwa beim Volleyballspielen unterhält oder über andere Dinge nachdenkt, erwischt man den Ball bestimmt nicht: Es fehlen die Kapazität und die Aufmerksamkeit des Großhirns.
  • Das limbische System steuert unsere Emotionen. Es färbt alles, was wir erleben, emotional ein und bewertet es blitzschnell auf „gut“ oder „schlecht“. Anders als die anderen drei Gehirnbereiche überträgt das limbische System seine Signale chemisch (und nicht elektrisch): Je nach Emotion wird ein Chemiecocktail aus Hormonen ausgeschüttet und durch den Körper geschickt – der ganze Körper wird dann von Freude, Angst, Wut oder Ekel erfasst, mit genau den dazu passenden körperlichen Reaktionen.
  • Das Stammhirn ist vor allem für unser Überleben verantwortlich: Es kontrolliert die wichtigen Lebensprozesse wie Atmung und Kreislauf. Außerdem steuert es unsere Reflexe und reagiert bei Gefahr automatisch mit fest verdrahteten Notprogrammen wie Flucht, Kampf oder Schockstarre. All dies macht es weitgehend, ohne dass es uns bewusst wird – etwa, wenn wir spontan ohne eigene (bewusste) Entscheidung einen unerwartet auf uns zufliegenden Gegenstand mit der Hand wegprellen.

Dementsprechend kann man jedem Funktionsbereich eine spezifische Maxime zuordnen: denken, fühlen, bewegen, leben (siehe Abbildung 2).

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Abbildung 2: Maximen der Funktionsbereiche (Quelle für die Maximen: „Willkommen in der Gehirn-WG“ von Jürgen Fuchs)

Wie bereits erwähnt, mag diese Ein- und Zuteilung zwar für das grundlegende Verständnis der Arbeitsweise des Gehirns hilfreich sein, doch sollte klar sein, dass bei fast allen Vorgängen mehrere Gehirnbereiche mitwirken:

  • Eine von Signalen der Sinnesorgane im limbischen System ausgelöste Emotion wird uns als Gefühl im Großhirn bewusst und bewirkt eine vom Kleinhirn gesteuerte Mimik und Gestik der Freude, des Ärgers oder des Ekels.
  • Oder eine mit bewusstem Denken im Großhirn konstruierte gedankliche Vorstellung (ein Plan, „Kopfkino“) führt zu einer emotionalen Reaktion im limbischen System, die sich ebenfalls im vom Kleinhirn gesteuerten Gesichtsausdruck widerspiegelt.
  • Dass auch absichtlich herbeigeführte Bewegungen und Atmungsverhalten sowohl unsere Gedanken als auch unseren Gefühlshaushalt verändern können, hatte ich im Abschnitt „Das Gehirn als Körperorgan“ im Blogbeitrag vom 15.03.2021 erwähnt.

>>> Entwicklungsgeschichtlich gesehen, ist das Stammhirn der weitaus älteste Teil, weshalb es zuweilen auch als „Reptilien-Gehirn“ bezeichnet wird. Das limbische System („Säuger-Gehirn“) ist schon deutlich jünger, und das Großhirn ist fast so jung wie der Mensch an sich – ein Streit über das Alter wie in der tibetischen Fabel „von der Übereinstimmung der vier geistigen Brüder“ erübrigt sich also. Dass die Moral, die man aus dieser Geschichte ziehen kann, kulturabhängig ist, war schon Thema im Blogbeitrag vom 15.03.2021
>>> Trainieren Sie die Fitness Ihres Gehirns mit ein paar Runden „Vier gewinnt“ – am besten im Spiel mit einem anderen Menschen, ansonsten online gegen einen Computer.

 

Vom Wollen und Wählen

Naturgemäß hat sich das Gehirn in der Evolution so entwickelt, dass es das Überleben des Körpers, dessen Organ es ist, und den Fortbestand der eigenen Art unterstützt. Deshalb befindet es sich im Körper auch immer dort, wo die wichtigsten Informationen zuerst ankommen: vorne bzw. oben, nah an auf Fernwahrnehmung gerichteten Sinnesorganen wie Augen, Ohren und Nase.

  • Dieser „Auftrag“ liefert dem Gehirn ein einfaches Kriterium zur Unterscheidung von „gut“ und „schlecht“: „Gut“ ist, was dem eigenen Überleben und dem Arterhalt dient; „schlecht“ ist, was dem abträglich ist. Wahrnehmung und Verhaltenssteuerung sind darauf ausgerichtet, sich „Gutem“ anzunähern und „Schlechtes“ zu vermeiden oder abzuwehren.
  • Nun ist die reale Welt, in der wir leben, nochmals ungleich komplexer als das Wimmelbild in Abbildung 7 im Blogbeitrag vom 12.02.2021. Über diese Welt liefern die Sinnesorgane dem Gehirn in jeder Sekunde eine Informationsmenge von etwa einer Millionen Bytes – was das Ausmaß der Herausforderung deutlich macht, darin die relevanten Informationen zu erkennen.

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Abbildung 3: Filter- und Verarbeitungsprozesse von Signalen der Sinnesorgane (Wiedergabe des Wimmelbilds mit freundlicher Genehmigung der Dolezych GmbH & Co. KG, Dortmund)

  • Alle Signale laufen zunächst über das Stammhirn, damit es sofort mit Reflexen oder einem der drei oben genannten Notprogramme reagieren kann.
  • Von dort wird jeder Input an das limbische System weitergleitet und dem „Gut“ / „Schlecht“ Check unterzogen: „Tier ist harmlos oder gefährlich“, „Mensch ist Freund oder Feind“, „Nahrung ist essbar oder giftig“, „Bewerber ist geeignet oder nicht“, „Idee ist umzusetzen oder nicht“.
  • Dabei wird auch bewertet, ob das Signal überhaupt so bedeutsam ist, dass es zur bewussten Wahrnehmung an das Großhirn weitergeleitet werden muss. Ein Checkpunkt ist etwa Bewegung: Ein Gegenstand, der sich am Rand des Blickfelds außerhalb des Fokus befindet, wird eher wahrgenommen, wenn er sich bewegt – denn von der Bewegung könnte Gefahr ausgehen. Andere Checkpunkte sind u.a. Relevanz für unsere momentanen und langfristigen Bedürfnisse, Absichten und Ziele.
  • Mit seinen verschiedenen Teilen kann das limbische System auch komplexe Situationen bewerten – etwa Dinge, die sich logisch schwer bewerten lassen, aber schnell gehen müssen, wie Vertrauen und Einschätzung gegenüber anderen Menschen. Alles, was wir mit „Intuition“ bezeichnen, geschieht schnell und über das limbische System.
  • Nachdem Stammhirn und limbisches System massiv ausgefiltert haben, kommen von den ursprünglich einer Millionen Bytes pro Sekunde nur noch drei Bytes pro Sekunde im Großhirn an (siehe die Veranschaulichungen in den Abbildungen 8, 9 und 10 im Blogbeitrag vom 12.02.2021).
  • Diese „Rest-Signale“ sind stets emotional eingefärbt, um auf „gut“ Annährungstendenzen und auf „schlecht“ Vermeidungs- oder Abwehrtendenzen auszulösen. Der Vollzug von Annährung an „Gutes“ wird mit Lustgefühlen belohnt (u.a. durch die Ausschüttung von Hormonen wie Dopamin). Die entsprechenden Aktivierungsmuster, die uns nach etwas streben lassen, werden daher zuweilen auch als „Belohnungssystem“ bezeichnet, die Aktivierungsmuster, die einen negativen Einfluss auf die Wahl einer Alternative haben, als „Bestrafungssystem“.

>>> Dass man an Dopamin nicht sparen sollte, macht Julia Engelmann in ihrem Auftritt bei einem Poetry-Slam 2013 klar.
>>> Wie sich die aktuellen Corona-Belastungen auf das Gehirn und unsere Psyche auswirken, zeigt eine ZDFheute-Story vom 21.03.2021.

Mit den gleichen Verarbeitungsprozessen wählt das Gehirn aus, was es wert ist, im Langzeitgedächtnis gespeichert zu werden. Je höher die vom limbischen System erzeugte emotionale Ladung ist, desto nachhaltiger wird die Speicherung. Dabei werden die Gedächtnisinhalte stets untrennbar mit ihrer emotionalen Einfärbung zusammen gespeichert und erinnert.

Was als Unterscheidung zwischen „gut“ und „schlecht“, zwischen „emotional bedeutsam“ oder „irrelevant“ so einfach klingt, ist in der differenzierten und hochkomplexen Welt menschlichen Zusammenlebens wesentlich vielschichtiger.

  • Wie im Blogbeitrag vom 15.03.2021 beschrieben, hat sich das Gehirn ja gerade deshalb zu einem „Sozialorgan“ entwickelt, weil ein gelingendes Miteinander Voraussetzung sowohl für das Überleben der einzelnen Individuen als auch für den Arterhalt ist.
  • Was in diesem Sinne potentiell „gut“ (= erstrebenswert und hilfreich) ist, kann je nach soziokulturellem Kontext sehr unterschiedlich sein. Dementsprechend gibt es eine Vielzahl von Werten und Motiven, wie etwa die in Abbildung 4 gezeigten. Vorstellungen von deren Bedeutung entwickeln Menschen im Laufe ihrer Sozialisation und Enkulturation sowie aufgrund der im bisherigen Leben gesammelten Erfahrungen.
  • Dem „Gehirn als Sozialorgan“ entspricht, dass sich viele Werte auf das zwischenmenschliche Geschehen beziehen – etwa Ruhm, Ehre, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit, Vertrauen, Solidarität, Individualität, Autonomie, Freiheit.

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Abbildung 4: Beispiele für potentiell emotional „geladene“ und handlungsleitende Werte und Motive (Quelle: „Brain View“ von Hans-Georg Häusel)

Die meisten dieser Werte stehen in Antagonismen zu anderen – etwa Sicherheit zu Abenteuer, Tradition zu Neugier, Disziplin zu Spaß, Zugehörigkeit zu Freiheit und Autonomie.

  • Alle in Abbildung 4 gezeigten Werte und Motive können – je nach Bedeutung, die sie für uns individuell haben – bei der Aussicht auf Realisierung oder bei erfolgter Realisierung das Gefühl der Freude (Lust, aktiviertes Belohnungssystem) auslösen, bei Bedrohung der Realisierung Ärger oder Angst und nach dem Verlust bzw. der Beendigung Trauer.
  • In Entscheidungssituationen zwischen verschiedenen Verhaltensoptionen (z.B. „Steuererklärung machen oder zur Party mit Freunden gehen“, „Produkt A oder Produkt B oder gar nichts kaufen“, „Idee als Vorschlag einreichen oder nicht einreichen“, „Vorschlag umsetzen oder ablehnen“) vergibt das limbische System die Präferenz stets unter dem Gesichtspunkt maximaler Lust bzw. minimaler Unlust.
  • Dabei geht es nicht darum, ob dem „Gefühl“ oder der „Vernunft“ gefolgt wird – denn die Werte, die gemeinhin als „vernünftig“ bezeichnet werden (z.B. Disziplin, Fleiß, Präzision, Sparsamkeit) erhalten für uns ihren „Wert“ auch nur durch das Lustgefühl, mit dem uns das Belohnungssystem bei ihrer Realisierung belohnt (bei gleichzeitiger Vermeidung der negativen Gefühle, die der Antagonist auslösen könnte): Was bei dem einen die Angst vor Veränderung ist, ist bei dem anderen die Angst vor Langeweile. Seine Aufgaben diszipliniert zu erledigen, bereitet dem einen Lust – dem anderen, sich Pflichten zugunsten einem Dolcefarniente zu entziehen…

>>> Die „Lust an Leistung“ beschreibt Felix von Cube in seinem Buch gleichen Titels.

  • Einzelne Menschen mögen individuelle und für ihre Persönlichkeit charakteristische Tendenzen zu jeweils einer Seite der verschiedenen Antagonismen haben. Immer wieder wird auch versucht, aus einer Clusterung verschiedene Persönlichkeits- und Kundentypen abzuleiten. Die älteste und einfachste Clusterung ist die Zuschreibung von eher „weiblichen“ oder „männlichen“ Qualitäten, wie sie etwa in der Yin und Yang Metapher angelegt ist.
  • Neuere Typisierungen versuchen, alle Werte und Motive aus einigen wenigen Grundtrieben abzuleiten. Je nach Autor (z.B. Paul Lawrence und Nitin Nohria in „Driven“ bzw. Hans-Georg Häusel in „Brain View“) werden beispielsweise der Erwerbstrieb bzw. Dominanzstreben, Lerntrieb bzw. Streben nach Stimulanz und Bindungstrieb bzw. Streben nach Balance angegeben. Lawrence und Nohria fügen dem noch einen Verteidigungstrieb hinzu, was die Verlustaversion bei Daniel Kahnemann in „Schnelles Denken, langsames Denken“ anklingen lässt.
  • Zu beachten ist jedoch, dass ein und dieselbe Person bei verschiedenen Themen und im Zusammenspiel mit verschiedenen anderen Personen ganz unterschiedliche Präferenzen an den Tag legen kann: Man kann im Alltag sehr sparsam sein, bei Reisen aber auf Exklusivität setzen ohne auf die Kosten zu achten; im Beruf ein auf Sicherheit bedachter Entscheider sein, im Freizeitbereich aber Abenteuer und Risiken suchen; im Beisammensein mit der einen Person eher traditionell-bedachtes Verhalten zeigen und mit einer anderen der Treiber für unkonventionell-originelle Aktionen sein.

>>> Spannungsverhältnisse, in denen Werte zu anderen stehen, führen zuweilen zu einem Widerstreit der Gefühle – einem Dilemma wie das, über das Goethe seinen Faust beim Osterspaziergang jammern lässt „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ (Faust 1, Vor dem Tor, Vers 1112) oder wie jener Beziehungszwiespalt, den Catull in seinem Gedicht „Odi et amo“ beschreibt (hier die freie Übersetzung von Eduard Mörike).
>>> Nach dem Motto „Schlimmer geht’s immer“ kann es auch zu einem Tetralemma kommen.
>>> Ein gern zitiertes Experiment veranschaulicht einen Zwiespalt, der zuweilen als Konflikt zwischen rational und emotional gesteuerter Wahl zitiert wird. Dabei handelt es sich schlichtweg darum, welcher Wert die stärkere Emotion auslöst. Im „Ultimatumspiel“ würden wir etwa 100 Euro geschenkt bekommen – aber nur unter der Bedingung, dass Sie meinem Angebot, wieviel ich davon an Sie abgebe, zustimmen. Falls mein Angebot lautet, 50 Euro abzugeben und 50 Euro zu behalten, nehmen praktisch alle Menschen dieses Angebot an. Wenn ich aber anbiete, 50 Cent abzugeben und selbst 99,50 Euro zu behalten, lehnen viele Menschen auch ab. Und das, obwohl sie dann ebenfalls leer ausgehen und die 50 Cent mit weniger Aufwand erhalten hätten, als wenn sie sich auf der Straße nach einer Münze bücken müssten (was die meisten täten).
Was veranlasst diese selbstschädigende Entscheidung? Der Ärger über die Verletzung des Werts „Fairness“ und die Lust daran, mich für mein unfaires Angebot bestrafen zu können, haben für diese Menschen einen höheren Wert, als es die Freude über mühelos gewonnene 50 Cent hätte. Mehr über die „Lust an der Strafe“ lesen Sie in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 20.02.2018. Je nach soziokulturellem Hintergrund können aber auch völlig andere Verdrahtungen gut gebahnt sein – zum Beispiel das Konzept „Nehmen, was man kriegen kann“. Dann würde das limbische System auf 50 Cent vielleicht nicht mit überbordender Freude, aber doch mit einer Annährungstendenz reagieren.

Am Ende ist es immer das limbische System, das den Ausschlag gibt, welches Motiv Vorrang hat – Menschen, deren limbisches System in Unfällen beschädigt wurde, verloren die Fähigkeit, Entscheidungen zu fällen und waren infolgedessen kaum noch in der Lage, selbständig zu leben.

Wenn nun das limbische System die im Wortsinn „entscheidende“ Instanz in unserem Gehirn für Entscheidungen und für die Steuerung unseres Verhaltens ist – wozu brauchen wir dann das Großhirn? Wenn ohne Emotion nichts läuft, wozu gibt es dann Verstand? Im Folgenden ein paar Beispiele für die vielen Aufgaben, die nur mit dem Großhirn bewältigt werden können:

  • Berechnen, was 17*63 ergibt,
  • Formeln zur Berechnung von Primzahlen entwickeln,
  • Finanzierungpläne erstellen und durchrechnen (z.B. für den Erwerb der Schuhe in Abbildung 5),
  • Abfolgen von Tätigkeiten vorausplanen und auf Konsequenzen und Verbesserungsmöglichkeiten hin analysieren,
  • Statistische und exponentielle Phänomene beschreiben und verstehen,
  • Maschinen und Apparate konstruieren,
  • Theorien wie Relativitätstheorien oder Evolutionstheorien formulieren,
  • Sprache verstehen und eigene gedankliche Vorstellungen in Worte fassen,
  • Witze formulieren und verstehen,
  • Bildliche Vorstellungen entwickeln und auf Leinwand, Papier, Bildschirm bringen.

Als Zusammenfassung an dieser Stelle ein kleines Gedankenspiel (bitte nur lesen, wenn Sie an abgedroschenen Klischees keinen Anstoß nehmen!):

>>> Stellen Sie sich vor, Sie gehen (in einer hoffentlich bald beginnenden Nach-Corona-Zeit) an einem Geschäft vorbei, in dessen Schaufenster das in Abbildung 5 gezeigte Objekt ausgestellt ist. Je nach Szenario könnte Ihr limbisches System mit einer der folgenden Emotionen reagieren und verschiedene Handlungstendenzen auslösen:

Blog 34 5 Schaufenster 2021 04 28

Abbildung 5

Gar keine Emotion:

  • Sie sind ein Mann und an Damenschuhen nicht interessiert. Ihr limbisches System bewertet das Objekt als völlig irrelevant – Sie „sehen“ den Schuh gar nicht und Ihnen wird vielleicht nicht einmal bewusst, dass Sie gerade an einem Schuhgeschäft vorbeigehen.

Emotion „Angst“:

  • Sie sind ein Mann und Ihre Frau geht neben Ihnen. Ihr limbisches System reagiert mit Angst – Angst, dass Ihre Frau den Schuh erblickt und Sie mit ihr in das Geschäft gehen und Schuhe kaufen müssen. Und schon bricht Ihnen Angstschweiß aus und Ihr limbisches System drängt das Kleinhirn zur Fluchtbewegung. Gleichzeitig fordert es vom Großhirn Unterstützung an, woraufhin dieses fieberhaft Pläne schmiedet, wie Sie verhindern können, dass Ihre Frau den Schuh erblickt, oder – falls das scheitert – mit welchen Versprechungen und Argumenten Sie sie vom Betreten des Geschäfts abhalten können.

Emotion „Freude“:

  • Sie sind eine Frau und Ihr limbisches System löst Freude aus, weil das endlich die passenden Schuhe für Sie sind. Das führt zu einer starken Annäherungstendenz, die Sie (vom Kleinhirn bewegt) sofort das Geschäft betreten und die Schuhe kaufen lässt.
  • Sie sind ein Mann auf der Suche nach einem Geschenk für Ihre Frau. Ihr limbisches System reagiert mit Freude, weil dies Ihre Chance ist, nicht weiter suchen zu müssen. Es löst eine starke Annäherungstendenz aus, … (weiter wie im Punkt zuvor).

Emotion „Ärger“:

  • Sie sind eine Frau und Ihr limbisches System gibt die kombinierte visuelle und Preis-Information mit einem erheblichen Schub Ärger weiter, weil dies die gleichen Schuhe sind, die Sie vor ein paar Tagen in einem anderen Geschäft für 428 Euro gekauft haben.

Mehrere Emotionen – emotionaler Zwiespalt:

  • Sie sind eine Frau oder ein Mann wie bei „Freude“ – allerdings mischt sich in die Freude auch die Angst, ob eine Ausgabe von 365 Euro Ihr Konto nicht zu sehr überziehen und eine andere, vielleicht noch wichtigere Ausgabe gefährden würde. Sie geben dieses Problem an Ihr Großhirn weiter, damit es Argumente pro und contra findet oder einen Finanzierungsplan konzipiert (z.B. in den nächsten zwölf Monaten „nur einen Euro pro Tag“ zurückzulegen …). Dabei „weiß“ Ihr limbisches System eigentlich schon längst, was am Ende überwiegt: Die Kauf- und Besitzfreude (bzw. negativ formuliert: die Trauer über den Verzicht und die Angst, beim nächsten Anlass keine passenden Schuhe zu haben) – oder die Angst, sich finanziell zu übernehmen (bzw. positiv formuliert: die Freude über solide Finanzen und ein beruhigendes Polster auf dem Konto).

Das Ideenmanagement kann nun die im (ersten) Blogbeitrag am 12.02.2021 angesprochene „Lust am Verbessern“ bzw. „Lust auf Ideen“ fördern, indem es Geschichten erzählt und Bilder zeigt, die eine aktive Mitwirkung am Ideenmanagement mit möglichst vielen der in Abbildung 4 gezeigten Werten verknüpfen und dadurch das limbische System positiv ansprechen. Möglichkeiten hierfür skizziere ich in einem nachfolgenden Beitrag zum „Neuromarketing für das Ideenmanagement“. Konsequenzen verschiedener motivationstheoretischer Konzepte auf das Ideenmanagement hatte ich in mehreren Exkursen im Kapitel 3.3 der „Modelle des Ideenmanagements“ beschrieben.

 

Lesen Sie mehr in den noch später nachfolgenden Blogbeiträgen zum „Neuromarketing für das Ideenmanagement“ und zum „Gehirn als Assoziationsmaschine“.

 

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Dr. Hartmut Neckel

Dr. Hartmut Neckel

Zum Autor: Dr. Hartmut Neckel ist einer der profiliertesten Vordenker und erfahrensten Praktiker im Themenbereich Ideenmanagement, Innovation und kontinuierliche Verbesserungsprozesse. >> Mehr

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